Sinnkrise

Hallo zusammen,

mein letzter Beitrag ist schon aus Oktober und wenn ich ehrlich bin, ist sehr viel seit dem passiert. Aber leider nicht viel in Richtung Steuerberaterexamen, wobei halt das stimmt nicht so ganz.
Nach meinem Sommerurlaub ging es auf der Arbeit Schlag auf Schlag. Ich hatte in dieser Zeit zwei Betriebsaufgaben auf dem Tisch, davon von eine mit bisheriger Einnahme-Überschuss-Rechnung, drei mal Wechsel der Gewinnermittlungsart und zwei Umwandlungsfälle. Ich habe dann in meiner Freizeit anstatt die Skripte weiter durchzuarbeiten, mich um die Themen gekümmert, die bei mir auf der Arbeit auf dem Schreibtisch liegen. Eigentlich könnte ich doch zufrieden sein, aber irgendwie bin ich es trotzdem nicht. Wenn ich mal Ruhe für die Skripte gehabt hätte, habe ich stattdessen die liegen gebliebene lose Blattsammlungen einsortiert. Um so länger ich mich auf den Berater vorbereite um so mehr wächst meine Abneigung gegen die Blattsammlungen.

Zudem kamen noch körperliche Probleme bei mir. Gesundheitlich bin ich schon mehrere Jahre angeschlagen, mein Arzt konnte aber nichts finden. Blutwerte immer top, ansonsten auch nichts auffälliges. Ab September ging es dann von einer Diagnose zur Nächsten; Glutenunverträglichkeit, Milcheiweißallergie und eine minimale Schilddrüsenüberfunktion. Die Ernährungsumstellung habe ich erstaunlicherweise ohne Probleme hinbekommen. Mitte November dann der nächste Schock beim Radiologen, meine Schilddrüse war um das Dreifache vergrößert und musste entfernt werden. Anstatt am 20.12. in den Urlaub zu gehen, bin ich am 21.12. operiert worden. Ich bin total begeistert, wie gut die Medizin heutzutage ist. Ich durfte schon am 23.12. wieder nach Hause. Im Moment kämpfe ich noch mit der Hormonumstellung und Calciummangel, aber das wird sich zum Glück in den nächsten Wochen einpendeln. Es hätte mich gesundheitlich viel schlimmer treffen können.

Ich habe im Augenblick endlich mal Ruhe und kann mir Gedanken machen über Dinge, die auf der Strecke geblieben sind. Eins davon ist auf jeden Fall meine Gesundheit. Ich frage mich immer wieder, warum ich nicht beharrlicher beim Arzt war. Ich habe zwar versucht genügend Sport zutreiben und mich gesund zu ernähren, bin aber dabei kläglich gescheitert. Der Stress war einfach zu viel und ich habe nicht geschafft diesen zu kompensieren. Jetzt stellt sich mir natürlich die Frage, soll ich weiter an der Vorbereitung auf den Titel festhalten? Die liegen geblieben Skripte sind nicht das Problem, die Grundlagen kann ich. Die Klausurenkurse fangen erst im Winter nächstes Jahr an. Aber was ist nächstes Jahr anders? Die Vorbereitung ist einfach unheimlich zeitintensiv. Habe ich noch die Kraft dazu? Und bin ich bereit diese auch in das Projekt Titel zu investieren? Einerseits habe ich schon so viel Zeit und Geld aufgebracht, es wäre Schade jetzt aufzugeben. Anderseits habe ich nach meinem Stellewechsel endlich die Aufgaben, die mich in unserem Beruf reizen und bekomme sie auch finanziell honoriert, dafür brauche ich keinen Beratertitel mehr. Eine eigene Kanzlei habe ich nie angestrebt, im Gegenteil ich bin froh als Arbeitnehmerin mit dem Abschalten meines PCs den Arbeitsalltag beenden zu können.

Mir ist mein Warum abhanden gekommen!!!
Warum soll ich weiter machen?

Im Moment habe ich darauf noch keine Antwort.

Ich wünsche euch noch ein schönes Restjahr und einen guten Rutsch in das Jahr 2022.
Mögen alle eure Wünsche in Erfüllung gehen.

Herzlichst eure Sunny    

11 Kommentare

  1. Hi Sunny,
    beim Durchlesen deines Beitrags habe ich mich 100%-ig wiederentdeckt. Ich befinde mich ebenfalls im 3. Versuch und möchte es ein letztes Mal probieren.
    Beruflich bin ich eher peripher steuerlich unterwegs. Altersmäßig bin ich mit Beate annähernd auf einer Höhe.
    Eigentlich benötige ich den Titel nicht. Es würde mich beruflich keineswegs weiterbringen.
    Dennoch besteht der Wunsch, es ein letztes Mal zu probieren.
    Wie hat es Nicole im NWB-Blog so schön formuliert: Man möchte einfach dazugehören! Man hat den festen Glauben, diese Prüfung zu bestehen.
    Dennoch habe auch ich oft mit Gedanken zu kämpfen, die in die Richtung gehen: Willst du dir das wirklich antun??? Wozu das Ganze???
    Wann ich noch einmal antreten werde, weiß ich nicht. Sporadisch lese ich in Skripten und schaue in die eine oder andere Klausur, um dann erneut frustriert festzustellen: WARUM TUST DU DIR DAS AN???

    Sunny, du siehst, du bist nicht die einzige, die sich in einer Sinnkrise des STB-Examens befindet.

    Werde euch an meinem Weg teilhaben lassen.

    1. Hallo Cirro,
      vielen Dank für deine Antwort. Der Gedanke dazu gehören zuwollen, ist schon noch ein wichtiger Punkt bei mir. Das stimmt. Ich würde mich über Berichte von deinem weiteren Werdegang sehr freuen.
      Liebe Grüße
      Sunny

  2. Liebe Sunny,

    gute Besserung, ich hoffe ab dem Jahr 2022 kannst du ein gesundes Alltagsleben führen und musst dich nicht mehr mit gesundheitlichen Problemen auseinandersetzen!

    Eine Anmerkungen zu deiner Pro-Seite:
    dort steht „Titel als Belohnung für den Aufwand“. Korrigiere mich, wenn ich falsch liege, aber die Belohnung für den Aufwand hast du für dich persönlich doch schon eingefahren? Du hast das steuerliche Wissen erworben, kannst es in der Praxis anwenden und das kann dir keiner nehmen. Außerdem hat dein AG das ebenfalls erkannt und dich mit mehr Verantwortung und besserer Bezahlung belohnt 🙂

    Vielleicht hilft ja ein paar Wochen Abstand zum Thema Lernen + Examen, um dir noch mal klar zu werden, ob du bei dieser Reise bereits am Ziel angekommen bist oder du dich sogar auf eine neue Reise aufmachen willst.

    LG und guten Rutsch an alle,
    LW

    1. Hallo LW,
      ich habe jetzt zumindest schon mal meine Blattsammlungen auf Vordermann gebracht. Vielleicht kommt die Lust, wenn ich am ersten Skript sitze, auch einfach wieder.
      Liebe Grüße
      Sunny

    2. Liebe Sunny,
      gut Ding will Weile haben …
      Es spricht überhaupt nichts dagegen sich erst einmal zu sortieren, gesund zu werden,
      sich beruflich und Homeofficetechnisch zu sortieren UND zu heiraten!
      Danach sehen wir mal weiter …
      Also, nach deiner Hochzeit erwarte ich dich hier glücklich und motiviert zurück 😉
      Dir viel Spaß
      LG Beate

    1. Moin zusammen,

      erstmal gute Besserung, Sunny.

      Das Aufschreiben von pro und contra finde ich gut. Vielleicht kommen noch ein paar Punkte auf die eine oder andere Seite hinzu; welche Punkte es sein können, kannst nur Du selbst beantworten.

      Solche Momente des gelegentlichen Innehaltens und Hinterfragens finde ich bei größeren Projekten durchaus sinnvoll. Bei der Frage nach dem ‚Warum‘ kann es hilfreich sein, sich zu erinnern, warum man sich vor geraumer Zeit auf diese Reise begeben hat. Das war ja vermutlich nicht kurzentschlossen aus einer Laune heraus. Sind die Gründe noch aktuell? Werden sie es wieder? Sind andere Gründe hinzugetreten? Diese Fragen würde ich mir durchaus stellen.

      Dem Geld würde ich nicht hinterhertrauern – es ist bereits ausgegeben. Es gibt Menschen, die fahren teure Autos, machen teure Urlaubsreisen oder auch beides. Da finde ich Ausgaben für die Bildung durchaus eine gute Alternative.

      Du wolltest den 3. Versuch im Jahr 2023 unternehmen, oder? Bis dahin ist noch etwas Zeit. Vielleicht ist es hilfreich, einmal mit sich selbst in Klausur zu gehen und fernab des Alltags die Fragen des ´Warum´ und ´Wie´ in Ruhe zu durchdenken?

      LG, JEH

    2. Hallo MKI,

      bei mir hat sich die Frage nach dem WARUM nur kurz gestellt.
      Es war aus der Not heraus; ich war krank und irgendwas musste ich ja machen.
      Dass mir der Beruf, wenn auch jetzt im öD, gut gefällt, ist schön, aber Zufall.

      Grüße
      Attila

    3. Hallo JEH,
      Danke für dein Verständnis. Ich werde mich jetzt zum Jahresbeginn noch einmal richtig sortieren um dann zu entscheiden, wie es weiter gehen soll.

  3. Hallo Sunny,

    einige Gedanken von mir zu Deinem Beitrag:

    Zunächst gute Besserung! Es kommen bessere Zeiten…

    Bei den Pros fällt mir auf, dass „Berufsträger“ und „Titel als Belohnung“ reine Ego-Argumente sind. Wenn das ok für Dich ist und zählt, dann ist es gut; wenn Du Deine Ziele eher fundamentaler (im Sinne von Zufriedenheit auf Dauer) verstanden haben willst, dann sind es keine echten Argumente pro, sondern bunte Girlanden, die schnell verblassen werden!

    Du schreibst weiter:

    „Einerseits habe ich schon so viel Zeit und Geld aufgebracht, es wäre Schade jetzt aufzugeben.“

    In der Psychologie bezeichnet man das als Ausgabeneffekt.
    Hier ist das Phänomen mE sehr gut und kurz beschrieben:

    https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/ausgabeneffekt/1722

    Wichtig aus diesem Artikel mitzunehmen ist mE, dass es nicht sinnvoll und rational ist, auf die bisher investierten Kosten und Mühen zu schauen, sondern es sich bei diesem Phänomen lediglich um sozusagen einen psychologischen Effekt handelt, der nicht zielführend ist!

    Wenn Du Dein WARUM nicht kennst, wird jedes WIE für Dich zu viel werden, befürchte ich!

    LG
    Attila

    1. Danke Attila. Du hast das Problem vermutlich schon auf den Punkt getroffen. Ich habe ursprünglich den Fachwirt absolviert und dann die Vorbereitung für den Berater begonnen um qualifizierter Aufgaben zur Bearbeitung zubekommen. Mein jetziger Chef sieht meine Fähigkeiten und gibt mir nun diese Aufgaben, somit ist mein altes Warum erfüllt. Der Titel ist für mich nicht mehr zwingend notwendig. Eigentlich könnte ich jetzt ganz ruhig in die Vorbereitung gehen, aber im Moment ist mir der Spaß am Lernen abhanden gekommen, den ich immer hatte.

      Von dem Ausgabeneffekt habe ich vorher noch nichts gehört. Das war ein interessanter Hinweis von dir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.